Zeitarbeit ist meine Lebensaufgabe!


Termine, Termine, Termine. Der Auftakt zum Portraitinterview fällt gleich dreimal in Folge dem bau1Jahresendgeschäft 2015 und Jahresauftaktgeschäft 2016 zum Opfer. So ist das in einer Branche mit hoher Drehzahl. Doch nun hat es geklappt. Draußen toben die letzten Reste rheinischen Karnevals.  Und stürmisch ist es in Düsseldorf. Letzteres übrigens wird zum Ausfall des Rosenmontagszuges führen – doch der ist für uns hier nicht interessant. Wir treffen uns im Aufenthaltsraum der Niederlassung in der  nordrhein-westfälischen Hauptstadt. Leckere und liebevoll verpackte „Berliner“ (eine süße, rheinische Spezialität, die besonders rund um die Karnevalszeit im Angebot ist) und guter Kaffee erwarten Andrea Menge und mich. Und ein perfekt vorbereiteter Interviewgast: Notizen hat er sich reichlich gemacht, denn er ist keiner, der planlos oder unbedacht in ein Gespräch geht. Letzte Mikrofonprobe. Noch ein paar Untersetzer unter Gläser und Tassen, damit es während der Aufzeichnung nicht unangenehm klappert: Christian Baumann ist bereit!

Herr Göbel, Sie werden niemals eine Universität von innen sehen!“ Klares Statement von seinem ehemaligen Mathe-Lehrer, das Christian Baumann noch heute im Original zitieren kann. Und in der Tat: Er hat als Schüler und Jugendlicher andere Pläne. Universität, Studium, überhaupt konsequent-intellektuelles Arbeiten, das alles steht zunächst so gar nicht im Sinne des eher renitenten Herangewachsenen. Zu diesem Zeitpunkt heißt er noch Göbel mit Nachnamen. Und auch das ist übrigens Teil einer zwar noch jungen, aber dafür sehr dichten Biographie mit überraschenden Wendungen. Wir kommen später auf diesen Punkt zurück.  Immerhin baut er 2002 sein Abitur. „Ein ganz schlechtes übrigens!“, wie er aus der entspannten Rückschau lachend hinzufügt. Um seine berufliche Zukunft muss er sich dennoch keine komplizierten Gedanken machen: „Der Weg war für mich vorgezeichnet, dass ich in die Bundeswehr eintrete.“, beschreibt Baumann die damalige Situation. Und ergänzt lachend: „Mir tat es damals auch gar nicht so schlecht … aufgrund meines eher ungehobelten Verhaltens als Jugendlicher. Die erste Frühsozialisierung an dieser Stelle war, glaube ich, ganz sinnvoll.“ Der Weg führt in die Offiziers-Laufbahn. Und geht eher zufällig, ungeplant in die Richtung der Luftwaffe.

bau2Da haben wir ja ein Thema. Nicht wegen der Luftwaffe an sich, als ehemaliger Zivi bin ich ja ein tendenziell militärskeptischer Typus. Sondern wegen der Luftfahrtthematik. Als nicht mehr aktiver Privatpilot (die Anfang der 1990’er-Jahre mühsam in einem Luftfahrtsportclub erarbeitete Privatpilotenlizenz verfiel im Laufe der Zeit, in der ich als junger Kerl dann andere Interessen hatte…) werde ich da natürlich stets hellhörig. Nun gut. Offizier der Luftwaffe. Bleibt nur eine Frage: Wie, zum Henker, kommt man damit zur Zeitarbeit?

Wie die Jungfrau zum Kinde!“, schmunzelt Baumann. Er landet, nach einigen Verwendungen im Wehrdienst, 2004 in Hamburg an der Universität der Bundeswehr. Dort, wo ihn sein ehemaliger Mathe-Lehrer nie sah. Und nun war er mittendrin. Pädagogik, Soziologie und bau3Psychologie. Er macht eine für ihn überraschende Entdeckung: Akademisches Lernen und Arbeiten macht ihm Spaß. Dies ist eine Erfahrung, die ihn prägen wird. Wer heute mit ihm spricht, wer ihm zuhört, merkt, mit welch akribischer Freude er sein Denken und seine Worte strukturiert – er ist zwischenzeitlich durch und durch akademisch. Er beendet 2008 sein Studium. Und könnte zurückkehren in den aktiven Bundeswehrdienst. Doch die Sache hat einen Haken: Eine zwischenzeitlich akut gewordene Kurzsichtigkeit beendet alle Möglichkeiten im Bereich der Luftwaffe. Baumann, mittlerweile 26, steht vor einem beruflichen Bruch in seinem Leben. „Arbeitsuchend als Offizier mit Pädagogikstudium?“, fragt er rhetorisch. Und lacht: „Wenn man die einschlägige Literatur liest (…) ist es eine denkbar schlechte Konstellation, als frisch diplomierter Pädagoge von der Bundeswehr Arbeit zu finden!“ Baumann fängt dennoch an, sich zu bewerben. Unter anderem auf eine Stelle als Zeitarbeitnehmer. „Mir fehlte jede Idee.“, sagt er. Und die Möglichkeit, in der Quereinsteigerbranche Zeitarbeit Fuß zu fassen, dort Erfahrung zu sammeln, passt für ihn. Und hat Glück: „Ich wurde eingeladen von einem amerikanischen Konzern …“, schmunzelt er, „… und wurde direkt für den Innendienst verhaftet.“  Viele Wege führen in die Zeitarbeit. Im Falle von Christian Baumann war es das malade gewordene Augenlicht. Seit dem trägt er nicht nur Brille. Sondern hat sich zu einem sehr ernst zu nehmenden Akteur der Branche entwickelt.

Christian Baumann wurde uns als Portraitgast empfohlen. Ein  weiterer Portraitgast bei uns aus dem Jahre 2015 stellte den Kontakt her. „Den müsst ihr kennen lernen!“, sagte er. Und noch während ich Baumann gegenüber sitze und zuhöre, verstehe ich, was er meinte. Dieser Mann hat nicht nur etwas zu sagen. Das haben ja ganz viele. Vor allem in dieser recht überschaubaren Branche, in der sich viele Lautsprecher tummeln. Baumann jedoch ist ein Stratege. Mit einem langen, ganz langen, ganz weiten Denken ausgestattet. Er hat einen Plan für diese Branche. Aber, so frage ich mich zunächst, kommt er nicht vermutlich fünf, vielleicht zehn Jahre zu früh?

Baumann ist heute, jetzt mit 33, Gesellschafter eines überregionalen Dienstleisters. Da könnte er sich ein zwar nicht unbedingt bequemes, aber doch mit geringerem Aufwand betriebenes, schönes Leben machen. Dennoch ist er zusätzlich Mitglied der Tarifkommission des iGZ, darüber hinaus Landesbeauftragter des Verbandes in Hamburg. Warum ist er diesen Schritt gegangen, frage ich ihn. „Interessengeleitet.“, antwortet er. Und erläutert, dass sein Unternehmen einen Großteil seiner Aktivität im Bereich der Pflege unterhält. Rund 50.000 Zeitarbeitnehmer sind mittlerweile bundesweit für die Branche in diesem Bereich im Einsatz – und es gab niemanden, der diese Berufsgruppe in der Tarifkommission vertrat. Baumann hat dies geändert. „Es war für mich enorm wichtig, hier in diesem Bereich mitzugestalten, ein Wort mitzureden. (…) Es ist eine Frage auch der gesamten Branche (…), die sich im Laufe der vergangenen Jahre deutlich professionalisiert hat. Auf allen Feldern.“ Wir sind beim Lieblingsthema von Baumann: Der Professionalisierung, der Fortbildung von Mitarbeitern, der Personalentwicklung in der Zeitarbeit generell.

bau4Hier müssen wir einen kurzen Einschub machen. Raus aus dem Interview. Und rein in einen iGZ-Kongress in Köln zum Thema „Personalentwicklung in der Zeitarbeit“ nur kurze Zeit nach unserem Interview. Hier ist Baumann auch als Referent präsent. Und rockt den Laden. Es ist tatsächlich sein Thema, sein Ding. Und in seinem Vortrag bestätigt sich mir mein Bild: Der Mann steckt voller exzellent strukturierter, langfristig gedachter Pläne und Ideen für die Branche. Mich beschleicht auf diesem Kongress erneut der Gedanke, ob nicht just diese Branche für diesen an konkreten Grundgedanken, konkreten Zielsetzungen reichen Mann nicht doch vielleicht etwas zu klein sein könnte. Allerdings hat Baumann darauf in unserem Interview eine klare Antwort.

Zeitarbeit bedeutet für mich meine Lebensaufgabe. (…) Und das ist mein voller Ernst!“ Die Aussage klingt apodiktisch. Ist sie jedoch nicht. Sie ist aber auch nicht lakonisch – im Gegenteil: Es ist bau5eine nüchterne, strategisch-zielorientierte Feststellung, eine hanseatisch-kühle Verortung von Baumann durch sich selbst. Hier bin ich. Und ich werde bleiben. Punkt. Ja, das ist es. Eine Lebensaufgabe. Malades Augenlicht führte einen Mittzwanziger in eine Branche. Er bemerkt die Defizite, die diese Branche ohne Zweifel heute noch hat. Und entwickelt Lösungen. Mit Leidenschaft – immer jedoch im Rahmen hanseatisch-akademischer Kühle im Blut. Baumann ist jener Typ Pilot, der den durchdrehenden Bordcomputer eines Airbus exakt auf seinen Schwachpunkt analysiert, ihn just an dieser Stelle deaktiviert – und den notleidenden Vogel eiskalt landet. Das macht ihn nicht nur als Verhandler in tariflichen Angelegenheiten interessant. Dinge dieser Art dürften eher eine Art Routine für ihn darstellen. Ihn reizt etwas ganz anderes.

Zeitarbeit ist für Baumann keine „Zwischenbranche“. Ganz im Gegenteil. Er pflegt einen ganzheitlichen Denkansatz, in der dieser Begriff „Zeitarbeit“ praktisch uninteressant ist. Er spricht lieber von der Personaldienstleistung. Sie ist, als Branche, Dienstleister gegenüber zwei Seiten: Den Kunden, die qualifiziertes Personal suchen und den Kunden, die qualifizierte Arbeitgeber suchen. Damit definiert er das klassische Dreieck-Verhältnis nicht neu. Aber er interpretiert es nahezu ausschließlich unter dem Aspekt der Qualifikation. Das „Helfer-Modell“ der Branche hält er, auch wenn es statistisch immer noch eine Hausnummer ist, für vollkommen veraltet. Und alleine für schlicht nicht zukunftsfähig. Baumann, der fast gescheiterte Abiturient und nur mäßig in die Gänge kommende Student, überträgt sein Lebensmodell auf die Branche: Es ist nicht entscheidend, woher du kommst. Es ist entscheidend, wohin du willst – selbst dann, wenn du es erst später bemerkst…!

Für ihn ist Zeitarbeit noch ein ungeschliffener Diamant. Er legt noch einen drauf: „Ich würde (…) sagen, es ist noch ein Stückchen Kohle, das noch (…) eine Menge Schleifpapier braucht, damit es ein Diamant wird.“ Die Zeitarbeit der Zukunft berücksichtigt unterschiedlichste Arbeitszeitmodelle, berücksichtigt individuelle Qualifikationen und entwickelt sie weiter, berücksichtigt individuelle Bedürfnisse der Menschen und baut sie in flexible Formen von Arbeit ein – für all dies ist, da ist sich Baumann sicher, die ehemalige Zeitarbeit und zukünftige Personaldienstleistung die ideale Schnittstellen-Branche: „Weil das ein Trend ist, der irreversibel ist, muss diesen Ansprüchen der Menschen Rechnung getragen werden. (…) Ich kenne, Stand heute, nur ein sozialversicherungsverträgliches Modell, das dies berücksichtigen kann, und das ist die Arbeitnehmerüberlassung.“

Baumann ist jetzt seit rund neun Jahren in der Branche. Er kennt sie aus dem eher konzernorientierten Lager. Da dreht man schon mal größere bau6Räder, denkt mitunter nicht nur überregional, sondern gelegentlich auch mal kontinental. Jedenfalls über den Horizont hinaus. Demographischer Wandel, Digitalisierung der Arbeitswelt, volatile Berufsbiographien mit permanent laufender Weiterqualifizierung – er jongliert mit all diesen Faktoren, die den deutschen Arbeitsmarkt teilweise schon heute, teilweise erst in einigen Jahren betreffen. Und in ihren Auswirkungen erheblich sein werden. Auch diese Branche wird davon betroffen sein, sich stark anpassen müssen. Da trifft es sich gut, wenn ein Vertreter der nachwachsenden Generation über den Tag hinaus denkt.

Qualifikation ist der Schlüssel. „Wir dürfen nicht die Billigheimer der Nation sein!“, sagt er. Und meint damit, dass das gängige, in der Öffentlichkeit präsente Zeitarbeitsmodell veraltet ist. Das bau7wird Widerstand auch in der eigenen Branche mit sich bringen, den er allerdings sicherlich für sich schon eingepreist hat.  Baumann präsentiert und positioniert sich als Vordenker, da gehört Gegenwind zur praktisch täglichen Erfahrung. Neue Wege gehen, neue Arbeitsmarktpotenziale suchen, Wachstum aktiv zu planen, sich als Branche selbstbewusst vermehrt auch den Hochqualifizierten zu stellen – er wird, da bin ich mir sicher, manches Branchenvertreter Nerven arg strapazieren. Seine Beziehung zur Branche ist differenziert, er sieht natürlich auch die Probleme, gerade in der öffentlichen Wahrnehmung. Insofern spielen auch ethische Werte für ihn eine Rolle. Nicht unwichtig, wer breitere Kreise des Arbeitsmarktpotenzials gewinnen will. „Wenn man sich Arbeiten 4.0 anschaut (…), dann muss man diese Entwicklung aufgreifen!“, sagt er. Und meint dies, abseits der „Philosophie“, ganz und gar betriebswirtschaftlich: „In Schönheit sterben macht keinen Sinn. Am Ende muss sich das alles rechnen, das ist klar.“ So ist das!

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Ruhe ist eingekehrt in der Niederlassung. Wir sind die Letzten, die gleich das Licht ausmachen werden. Der erste Teil des Gesprächs, das offizielle (und aufgezeichnete) Interview, war sehr lebendig. Herzhaft lachen mussten wir, als ich ihn aufgrund eines phonetischen Missverständnisses vom „Gesellschafter“ (seines bau8Unternehmens) zum „Gewerkschafter“ erklärte. Doch auch in diesem Thema ist er sehr entspannt und sachlich orientiert. Gewerkschaften sind für ihn kein notwendiges Übel, sondern Partner, auch über den Tarifdschungel hinaus. Wir läuten also den zweiten Teil des Gesprächs ein, der traditionell in einem Lieblingsrestaurant unseres jeweiligen Gastes stattfindet. Unser Weg führt in die Düsseldorfer Innenstadt, dort befindet sich das japanische Restaurant „Okinii“. Das Mikrofon ist ausgeschaltet. Und bereits im Taxi wird deutlich, dass Baumann nicht nur die hanseatisch-diplomatische Sprache beherrscht. Sondern auch Klartext.

Seine Sicht auf die Branche ist nicht nur differenziert, wie sich im ersten Gesprächsteil zeigte. Sondern sehr differenziert. Er sieht die Hürden, er sieht die Bremskräfte, er sieht die Risiken, die Veränderungen nun mal mit sich bringen. Und es wird, das zeigt sich im weiteren Gespräch, einen langen Atem brauchen. Er sprudelt, wie schon die ganze Zeit, förmlich über. Mitunter merkt man ihm an, dass er am liebsten drei Sätze in einen verpacken möchte. Die für uns alle gleichen physikalischen Begrenzungen zwischen Einatmung, Sprechen und Ausatmung bau9kommen für ihn in der Hinsicht eher einer Reduzierung gleich. Die Energie, die er in sich und seine Arbeit steckt, ist enorm. Das geht nur, wenn man ein intaktes, ausgleichendes Umfeld hat. „Es gibt so viele Themen, die mich treiben, die ich fassen möchte, dass ich nie zufrieden bin“, fasst er seine rastlose Neugierde zusammen, und fügt mit einem gewissen Ernst hinzu, für andere vermutlich ein sehr anstrengendes Gegenüber zu sein. Baumanns großes Glück in der Hinsicht ist sein Lebensgefährte Oliver, zuhause kann er komplett runterschalten. Diesen Gegenpart braucht er, und kann auf Freunde zählen, die es akzeptieren, dass er privat –man mag es kaum glauben- eher ruhig und zurückgezogen lebt. „Wer beruflich und wissenschaftlich Vollgas gibt, braucht diesen Ruhepol“, fasst er zusammen. Genießen kann er auch. Er übernimmt im Restaurant die Speisenauswahl, und schafft es, auch mich als dem Sushi-Hype skeptisch gegenüber stehenden, geschickt mit in die Speisefolge einzubauen. Worüber, möchte ich wissen, hat er sich zuletzt so richtig gefreut? Ein Strahlen geht über sein Gesicht. „Mein Lebensgefährte hat nach langen Jahren berufsbegleitenden Studiums seinen Bachelor-Abschluss der Betriebswirtschaftslehre gemacht.“ Das war, ergänzt er, ein „Arbeitssieg“ für ihn, denn es sei ihm nicht leicht gefallen. „Da habe ich mich unfassbar gefreut!“, fügt Baumann mit Verve hinzu. Die beiden, so sieht es aus, scheinen ein sehr gutes Team zu sein. Nur zusammen arbeiten ginge nicht: „Da würde ich lachend in die laufende Kreissäge springen!“, setzt Baumann, tatsächlich laut lachend, hinzu. Es sind ja bekanntermaßen die Gegensätze, die Beziehungen interessant und frisch erhalten. Auch da scheinen sich die Baumanns sehr gut zu ergänzen.

Zu Ende geht ein langer Tag, auch der Abendteil war lebendig und wurde später, als geplant. Voller Eindrücke einer auch abseits der Branchenthematik spannenden Persönlichkeit und mit einer erfolgreich absolvierten Sushi-Premiere mache ich mich auf den Heimweg. So sieht er aus, der perfekte Tag für einen Portrait-Autor.


Hören Sie das ganze Interview: