„Weil es einfach nötig ist!“


Die roten Chucks sitzen wie angegossen, ebenso die Frisur, die seit letztem Jahr häufig in Form einer schicken Käppi-Mütze daher kommt. Die Augen blitzen, er hat sein ruhrpöttisch-verschmitztes Lächeln im Gesicht: Thomas Altmann ist startbereit!

thomas-altmann-portrait (1)Sein Weg in die Zeitarbeit begann mit – schwäbischen Gurkenvierteln! Die stopfte er in den Sommerferien 1988 bei „Kühne“ in Herongen in Gläser. Natürlich immer mit der hellen, leckeren Seite nach vorne – und im Rahmen eines Werkvertrages. Ausgerechnet! Die heute nicht mehr existente „BSK Zeitarbeit GmbH“, seinerzeit Auftragnehmer von „Kühne“, war von den Gurkenstopfkünsten des damaligen Schülers offenkundig derart begeistert, dass sie ihn nach bestandenem Abitur als kaufmännischen Azubi übernahm.

1989. Wendejahr. Der „ewige Kanzler“ regierte, die Mauer fiel. Altmanns Sozialisation in das berufliche Erwachsenenleben beginnt inmitten einer euphorischen Umbruchsituation. Das „Anything goes“ der späteren 1990’er-Jahre nahm hier seinen Lauf. Und seinen Lauf nimmt auch eine sehr bemerkenswerte Zeitarbeitskarriere, denn vom Zeitpunkt des werkvertraglich geregelten Gurkenstopfens bis heute wird Altmann die Branche nicht mehr wechseln. Er ist nicht nur ein „Kopf“, sondern auch ein „Kind“ der Zeitarbeit – und wird dies wohl auch bleiben.

thomas-altmann-portrait (2)Ich bin faktisch abhängig von der Zeitarbeit, weil ich niemals in einer anderen Branche tätig war.“ Kann man, wie ich nachhakend frage, davon sprechen, dass ihm Zeitarbeit „in die Wiege gelegt“ war? „Rückblickend lässt sich das leicht sagen“, antwortet er im ruhrpöttischen Dialekt, den er nur kurz ablegen wird, als zwischendurch doch mal das Telefon läutet. Altmann wechselt, ansatzlos, in perfektes Hochdeutsch. Auch das sicherlich ein Markenzeichen seiner Persönlichkeit: Altmann „kann“ mit jedem: Egal, ob der „kleine Mann“ oder der „Großkopferte“, der Gewerkschafter oder die örtliche Bundestagsabgeordnete – Altmann hat ein sehr feines Sensorium dafür, wie er mit wem spricht. Rollen wechselt er dabei, ähnlich wie den Dialekt, ansatzlos. Dabei verfügt er über die seltene zwischenmenschliche Kunst, Grenzen gestuft aufzeigen zu können: er pfeift ganz gerne einmal darauf, vom Gegenüber gemocht zu werden, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Altmann ist ein Mann mit Meinung. Und der selbstgestellten Freiheit, diese auch zu äußern. Dabei kümmert es ihn herzlich wenig, ob seine Meinung „Mainstream“ ist oder ein ganzes Forum eines „sozialen Netzwerkes“ gegen ihn steht. Er kann sehr deutlich werden, versteht es aber, dabei nicht verletzend zu sein – ein hohes Gut, gerade, wenn man sich aktuelle Diskurse zu diversen Themen betrachtet.

Zurück zur Zeitarbeitskarriere. Ich hake nach. Ist sein ununterbrochener beruflicher Werdegang für eine Branche, der man üblicherweise die Attribute „schnelldrehend“, „Brückenfunktion“ etc. unterstellt, vielleicht doch eher untypisch? Er hält nicht viel davon, im Namen anderer zu sprechen. „Wenn das Ganze bis zur Rente geht, dann hätte ich ein Zeitarbeitsleben hinter mir und wäre zufrieden damit.“ Altmann zeigt damit, recht lakonisch, eine selten wahrgenommene Facette dieser Branche: Das ganz alltägliche Arbeiten in und mit ihr. Ohne Gedöns. Ohne Drama. Ohne Polemik. Jawohl, auch das ist Zeitarbeit!

Altmann kennt die Branche seit rund 25 Jahren. Und natürlich auch ihre Tücken. Und Fehler. Speziell das Bild der Branche in Politik und Teilen der Gesellschaft sieht er missverstanden und mit falschen Vorurteilen beladen. Altmann geht damit auf seine Weise um. Aus eigener Erfahrung wissend, dass die Branche abseits der (ver)öffentlich(t)en Polemik regelmäßig Gutes bewirkt, bringt er diese Erfahrung ein: Mit seinem ehrenamtlichen Engagement beim Arbeitgeberverband „iGZ“, der „IHK“ und, natürlich, in „Social Media“. Wobei es, in diesem, letzten Punkt, einen kleinen Dissens zwischen Altmann und mir gibt …

thomas-altmann-portrait (6)Trolle? In „sozialen Netzwerken“? Ein Problem. Gerade für die Zeitarbeit, denn auf sie lässt man ja ohnehin ganz gerne öffentlich mal den Hammer sausen – eine Einladung für Trolle? Ich für meinen Teil finde ja. Und sitze mitunter etwas verstört am Bildschirm, wenn gerade mal wieder der übliche Irrsinn durch die Foren rast – und durchaus namhafte Vertreter der Zeitarbeitszunft sich auf die offenkundig rein polemisch induzierten „Argumente“ auch noch einlassen. Ich halte das für einen klassischen „Verstärker“ dieser Leute. Und Altmann? „Es geht um Aufklärung, und keinesfalls darum, mich zu streiten.“, setzt Altmann als Punkt. „Weil es einfach nötig ist!“, setzt er direkt noch dazu, mit der Betonung auf „nöööötich“. Er bleibt in dem Punkt hart: „Es geht nicht darum, die Trolle aufzuklären. Es lesen aber auch andere mit, die müssen die Gegenseite hören. Man kann solchen Stuss nicht einfach stehen lassen!

Man merkt an just dieser Stelle eine weitere Facette dieser Branche: Sie wird mit Herzblut betrieben. Sie ist nicht nur selbstverständlich in ihrer Branchenart, sondern ihre Mitarbeiter, ihre Mitwirkenden sind mit Leidenschaft dabei. Jawohl, auch das ist Zeitarbeit!

Herzblut. Altmann gerät in Fahrt. Zeitarbeit ist eben auch „seine“ Branche. Und es ärgert ihn, wenn größere oder kleinere Unternehmen zum Rufe der Branche beitragen. Gemeint sind jene, die im Jargon „Schwarze Schafe“ heißen – und übrigens keine Erfindung der Zeitarbeit sind. Schwarze Schafe gibt es überall – aber kaum irgendwo werden sie öffentlich so thematisiert, wie in der Zeitarbeit. Wir sind im Thema „Zeitarbeit und Image“ – und Altmann gibt dabei eine recht einfache und einleuchtende Erklärung, warum die Branche häufig so undifferenziert wahrgenommen wird.

thomas-altmann-portrait (5)Guntram Schneider. Und Sigmar Gabriel. Beide haben etwas gemeinsam: Sie wissen offenkundig nicht sonderlich viel von Zeitarbeit. Haben aber eine Meinung dazu. Dezidiert. Ersterer grenzt Zeitarbeit von einem Regelarbeitsverhältnis ab – als ob Arbeitsverträge zwischen Zeitarbeitsunternehmen und Zeitarbeitnehmern eine andere Farbe, andere Paragraphen tragen würden. Zweiterer kann zwischen Zeitarbeit und befristeter Arbeit nicht unterscheiden –gleichwohl der Anteil an unbefristeten Arbeitsverträgen in der Zeitarbeitsbranche bei rund 90% liegt, in der sonstigen Wirtschaft jedoch gerade einmal bei nur rund 55%. Ist, frage ich in einer Mischung aus Resignation und Provokation, das mit der Zeitarbeit eigentlich so kompliziert, sie zu verstehen? Altmanns Antwort ist verblüffend bildhaft: „Nein, ist es natürlich nicht. Für denjenigen, der Auto fahren kann, ist Gangschalten kein Problem. Für den Fahrschüler jedoch ist das ultrakompliziert. Das Blöde ist, dass die Entscheider, also die, die über uns entscheiden, eben Fahrschüler sind. Das tut uns sicherlich nicht gut.“ Altmann zeigt die enorme Entwicklung der Branche auf: „Tarifverträge, Deregulierung im Rahmen der Hartz-Maßnahmen, Ethik-Kodex, KuSS, Branchenzuschlags-Tarifverträge, Mindestlohn – aus der einstigen Wild-West-Branche ist eine normale Branche geworden.“ Unverständlich aus seiner Sicht, dass sich der Gesetzgeber gerade jetzt aufmacht, „(…) wo sich Gerechtigkeitslücken mehr und mehr schließen (…) Steine in den Weg zu legen.“

Dies ist eine dritte Facette der Branche: Gut zu sein, normal zu sein und nach den Regeln zu spielen reicht nicht. Jawohl, auch das ist Zeitarbeit!

Altmann ist Mitglied der Geschäftsleitung. Die „Hoffmann Personaldienstleistungsgruppe“ mit ihren breit aufgestellten Standorten im Ruhrgebiet fährt einen stark sozialen Kurs. Zeitarbeitnehmer sind im Schnitt über vier Jahre (!) dort beschäftigt – der Branchenschnitt liegt nach letzten Zahlen bei rund neun Monaten. Er sieht darin keine Besonderheit. Im Gegenteil.

Wir haben hier kluge Geschäftsführer, denke ich, die das Geld hier nicht unbedingt rausziehen müssen, und sich eine Yacht im Mittelmeer zulegen müssen, aus Prestigegründen, sondern wir lassen das Geld in der Firma. Wir haben ein relativ hohes Eigenkapital (…), sind nicht auf Fremdmittel angewiesen (…), sind ein vernünftiges Unternehmen mit einem vernünftigen Umgang mit den Mitarbeitern.“ So macht man’s halt, wie jeder andere Arbeitgeber auch. Punkt. Das alles ist keine übertrieben-untertrieben daherkommende Möchtegern-Attitüde, sondern eher nüchterner Alltag hier. Und Altmann sieht das Unternehmen und sich da bei weitem als keine Ausnahme: „Ich empfinde das so, dass wir ein stinknormales Zeitarbeitsunternehmen sind, so wie viele andere auch.“

thomas-altmann-portrait (4)Viel Normalität hat Einzug gehalten in der Branche. Während für viele Menschen der Arbeitsmarkt als etwas Statisches betrachtet wird, entstehen doch täglich statistisch betrachtet mindestens rund 20.000 neue Arbeitsverhältnisse. Es geht also ziemlich dynamisch zu. Auch in der Zeitarbeit. Wo wird sie, frage ich Altmann, in den nächsten zehn Jahren stehen? Es ist eine Einerseits-Andererseits-Antwort, die Altmann hat. Und ich finde sie realistisch: „Es fällt mir schwer, da jetzt ein Bild zu zeichnen von der Zeitarbeit 2024. (…) Wir werden uns weiter normalisieren. Ich glaube, dass der Unterschied nicht besonders groß sein wird, ich glaube, dass wir weiter eine umstrittene Branche sein werden, die zwar geprügelt, aber ihren Dienst an der Gesellschaft weiter leisten wird. (…) Natürlich hat sich eine Menge getan, aber das Bild der Branche hat sich nicht groß geändert. Wir werden mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, wie wir das heute auch tun.“ Und sein Ratschlag? „Einfach weitermachen.“ Punkt.

Dies ist die vierte Facette der Branche: Im Grunde ist es egal, welches Bild die Öffentlichkeit von ihr hat. Man versucht, im Einzelfall zu überzeugen. Beim Kunden. Beim Mitarbeiter. Business as usual – ja, auch das ist Zeitarbeit!

Der Tag endet. Ein spannender Tag in Duisburg-Meiderich. Der letzte Teil unseres Gespräches führt in ein Lieblingslokal unseres Portrait-Gastes. Im Falle Altmanns ist es nicht das „Renzis“ – das ist seiner Frau vorbehalten. Wir sitzen in einem gemütlichen Brauhaus. Die Fahrt dorthin gerät zur Reminiszenz an frühere Zeiten. Etliche Plätze zeigen Altmanns frühere Arbeitsorte, aber eben auch Duisburgs nicht eben erfreuliche Entwicklung als Stadt im Vergleich zu früher.

thomas-altmann-portrait (7)Worüber er sich freut, möchte ich wissen. Altmann überlegt nicht lange. Er freue sich ständig, über den letzten MSV-Sieg, über einen geschäftlichen Erfolg, über ein gutes Gespräch, über die Verlobung seines besten Freundes. Aber auch Ärgern gehört dazu. Über die (zum Zeitpunkt unseres Gespräches) aktuellen Streiks, über die Verschwendung der Arbeits- und Sozialminister auf Kosten der jüngeren Generation und, räusper, räusper, die letzte MSV-Niederlage. Er nimmt Ärger auch mal mit, manches lässt sich eben nicht einfach im Büro am Wandkalender für den nächsten Tag anhängen. Hat er sich ein Fell angelegt über die Jahre? Ja, aber das Fell wächst nicht von alleine, man muss sich das schon selber erarbeiten. Und, neben den Gesprächen darüber, die er mit seiner Frau Nane sucht, gibt es dann auch wieder Anlass zur Freude: Wenn er im „Renzis“ gegen sie im Backgammon gewinnt – was eher selten der Fall ist…

Er greift seine Zigarettenschachtel nach dem Essen. Und ich folge ihm. Als Ex- und seit rund acht Jahren Nichtraucher rauche ich mit ihm eine. Draußen. Vor der Türe. Es ist eine Art Respekt ihm gegenüber, der mir nach diesem Tag, nach diesem Gespräch durchaus wichtig ist.

Der Rauch verzieht sich. Gemeinsamkeit. Respekt. Ja, auch das kann Zeitarbeit sein!


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