„Ich mache Sachen nicht halb!“


Es ist Karneval. Und wir sind in Köln, meiner eigenen, alten Heimatstadt. Ein paar Straßen weiter habe ich meine Kindheit verbracht. Noch ein „Und“: Thorsten Rensing ist mit seinem Unternehmen unter anderem in Gastronomie und Event-Gastronomie am Start. Mit anderen Worten: Er ist zu diesem Zeitpunkt an seinem Terminlimit. Dennoch wirkt er entspannt. Unternehmen und Räumlichkeiten werden momentan umgebaut, so dass wir uns in der Küche zum Interview zusammensetzen, die gleichzeitig auch Teil des Stauraums für Berge von Aktenordnern ist: Dokumentationspflichten am Standort D…

20150128-N71_2786Das muss eine Überraschung gewesen sein. Thorsten Rensing war auf dem besten Wege, Lehrer für Englisch und Sport zu werden. Lehrer. Anerkannter Beruf. Soziales Prestige. Gerader, akademischer Lebenslauf. Doch da bat Rensing seine Eltern zu einem Gespräch, irgendwann, Anfang der 2000’er-Jahre. Und eröffnete ihnen, dass er seine Berufsbiographie ein wenig zu ändern gedenke. Er möchte gerne Unternehmer werden. Mit einem Geschäftspartner. So weit, so gut. Doch dann kommt der zweite Teil der Botschaft: Es wird…ein Zeitarbeitsunternehmen!

Unternehmer zu sein bringt in Deutschland per se nicht den besten Ruf mit sich. Unternehmer in der Zeitarbeit zu sein, ist dann häufig gleich ein doppeltes Problem. Jedenfalls für den Freundes- und Familienkreis, der sehr oft durch öffentliche Negativkampagnen gegen die Zeitarbeit vorbeeinflusst ist – und dann eben häufig auch für die Unternehmer selbst, die sich erhöhtem Erklärungsdruck ausgesetzt fühlen. Viele berichten, dass sie sich für ihren Entschluss (Rensing ist übrigens gleichzeitig auch Existenzgründer gewesen, er hat kein anderes Unternehmen übernommen, sondern ein eigenes gegründet) rechtfertigen müssen. Das blieb auch Rensing nicht erspart.

Es gab im ersten Moment unbändiges Staunen“, berichtet er. „Dann gab es tatsächlich Auseinandersetzungen, ich komme aus einer reinen Arbeiterfamilie, ich wäre der erste Akademiker der Familie gewesen.“ Zunächst war, speziell bei seinem Vater, der „Ofen aus“, was allerdings auch daran lag, dass Rensings Vater (wie so viele andere auch…) das Prinzip Zeitarbeit nicht verstanden hat. Intensives Erklären durch Rensing Junior war also angesagt – und funktionierte: „Als er das begriffen hatte, war vollste Unterstützung aus dem Hause Rensing angesagt. Sonst hätte ich das auch nicht geschafft.“, fügt er hinzu.

Die Sache mit dem Akademiker. Sie hat dann doch noch geklappt. Im weiteren Verlauf seiner Geschäftsbiographie entschließt er sich, im Rahmen eines Abendstudiums Wirtschaftsjurist zu werden. Er immatrikuliert sich, sieben Jahre bereits Selbständig, in Hamburg – und legt los: Studium parallel zur üblichen Arbeitsbelastung.

20150128-N71_2894Der klassische Wirtschaftsjurist ist eigentlich eine Kombination aus BWL und Jura. Hintergrund ist, dass Juristen tendenziell (…) nicht kalkulieren, sie machen sehr viel Verträge…“, was mich zu der ironischen Feststellung veranlasst, dass man also nicht rechnen müsse. „Juris non calculat, genau so ist das!“, ruft Rensing lachend zurück. Im Prinzip ist diese Kombination für die Zeitarbeit wie gemacht, was allerdings Zufall war, wie Rensing sagt: „Individuelles Arbeitsrecht, kollektives Arbeitsrecht, das ist ein Bereich, der sehr stark auf den Wirtschaftsjuristen abgestellt ist.“ Das in der Zeitarbeit notwendige Kalkulieren konnte er auch schon vorher, der BWL-Anteil des Studiums schärfte indessen seinen Blick für das wichtige Controlling. Ein Umstand, eine Profession, die er aktiv als Trainer in Seminaren für die Branche einbringt – und so manches betriebswirtschaftliches Aha-Erlebnis bei seinen Teilnehmern auslöst.

Sein Weg in die Zeitarbeit war zufällig. Während seines ersten Studiums (Sie erinnern sich, er wollte Lehrer werden!) arbeitete er als Kellner über die Zeitarbeit – Rensing war also selber auch Zeitarbeiter. Die damals noch recht frisch eröffnete „Köln-Arena“, die heute „Lanxess-Arena“ heißt, hatte erheblichen Bedarf an gastronomischem Personal, so dass er dort in der Bankett-Abteilung anheuerte, dabei die Kundenseite kennen lernte – und seinen Geschäftspartner, Oliver Schoiber. Bei einer Existenzgründung geht es nicht nur darum, ein eigenes Unternehmen zu eröffnen. Man braucht auch eine Mission: Den unternehmerischen Ehrgeiz, zumeist repräsentiert durch das, was man als „unternehmerischen Impuls“ bezeichnet.

20150128-N71_2909Wir haben wirklich den Anspruch gehabt zu sagen, wir sind besser als Mitbewerber dahingehend, dass wir mit Mitarbeitern wertschätzend umgehen, dass wir (…) den Schwerpunkt auf Kommunikation mit den Mitarbeitern legen, weil es daran häufig mangelt.“ Dass dies gerade in der Gastronomie besonders wichtig ist, wo nach seiner Erfahrung das für die Zeitarbeit typische ‚Dreieck-Verhältnis‘ eher ein ‚Viereck-Verhältnis‘ ist (zu den drei Beteiligten der Arbeitnehmerüberlassung kommt als vierter der gastronomische Gast mit ganz eigenen Wünschen und Bedürfnissen hinzu), zeigt sich am Aufwand, den Rensing mit seinen Mitarbeitern betreibt. Regelmäßige, selbst durchgeführte Schulungen gehören dazu. Er beschreibt dies an einem simplen Beispiel. Kellner gehören in schwarze Hosen – das habe auch ich selbst in meiner früheren Kellnerzeit gelernt. Und so, wie man mir (durchaus schonend…) beibrachte, dass zu schwarzen Hosen weiße Socken eher kontraindiziert sind, so bedarf es eben auch des schulenden Hinweises, dass schwarze Kellnerhosen keine Leggings oder Jeans sein sollten…all dies gehört zum Alltag eines Dienstleisters und Arbeitgebers. Und Rensing nimmt seine Rolle in der Hinsicht ernst. Sehr ernst sogar. „Ich möchte nicht, dass sich Belegschaften vermischen. Ein Arbeitnehmer gehört zu mir, nicht zu einem Vier-Sterne-Hotel oder Fünf-Sterne-Hotel, sondern er ist bei mir!“, wobei die Betonung auf „mir“ liegt. Rensing spricht damit implizit ein sehr wichtiges Thema an: Zu wem „gehören“ eigentlich Zeitarbeitnehmer? Selbstverständlich, und so ist seine Antwort völlig richtig zu verstehen, zum Arbeitgeber – und das ist nun mal eben der Zeitarbeitgeber, nicht das Kundenunternehmen!

Zu den Fragen, für die sich „Köpfe der Zeitarbeit“ interessiert, gehört auch die, was Zeitarbeit ganz persönlich für Akteure der Branche bedeutet. Rensing, ein hochintellektueller Kopf und zwischenzeitlich Mitglied des Bundesvorstandes des „iGZ“ (ganz nebenbei auch Lokalpolitiker für die FDP in Köln), antwortet zunächst ganz „offiziell“…

20150128-N71_2966Für mich persönlich? Eine der modernsten und flexibelsten Arbeitsformen, die wir derzeit am Markt haben, in Kombination mit maximaler Sicherheit.“, antwortet Rensing ausgesprochen formell auf die Frage, was Zeitarbeit ganz persönlich für ihn bedeute. Er hat, so viel lässt sich sagen, nicht nur hochintellektuelles Format – er hat auch die Fähigkeit, hoch formell zu sprechen. Bei der Gelegenheit zeigt sich in nuce, dass Rensing auch für politische Formate mehr als tauglich ist. Er hat sie, die Fähigkeit, von jetzt auf gleich von „Privat“ auf „Formell“ umzuschalten, er ist sich jederzeit bewusst, was er sagt – und wem er es sagt. Wichtige Bedingungen, um auf dem Parkett von Politik und Verbänden sicher agieren zu können. Und genau das war mir in vielen, klugen Beiträgen aufgefallen, die ich von Rensing las, lange bevor ich ihn persönlich kennen lernte. Ich muss ihn also mit einer Leine wieder einfangen, und danke ihm mit ironischem Einklang für die Antwort des iGZ-Bundesvorstandes. Er versteht den Wink sofort, und fügt lachend hinzu: „Für mich persönlich ist Zeitarbeit die einzige Arbeitsform, die ich kennengelernt, die ich auch durchgehalten habe. (…) Für mich ist Zeitarbeit normal. Das wäre das Adjektiv in dem Fall, also normal.

Dieser Punkt im Gespräch ist eine gute Gelegenheit, eine Parallele zu Thomas Altmann, unserem ersten „Kopf der Zeitarbeit“ aufzugreifen. Bei Altmann war das Adjektiv „Herzblut“. Bei Rensing lautet es, etwas weniger hämorrhagisch, „Normal“. Ist er eher kühler, weniger emotional, wenn es um Zeitarbeit geht?

20150128-N71_2845Ich bin, glaube ich, ein weniger emotionaler Mensch als der Thomas, (…) ich nehme es persönlich, wenn die Zeitarbeit angegriffen wird, auf eine Art und Weise, die eben manchmal einfach polemisch ist. Dann wird es auch eine Herzensangelegenheit, dagegen zu halten, mit allem, was ich habe, weil es ungerecht ist. Aber ansonsten bin ich da eher weniger emotional als Thomas.“ Auch das macht Zeitarbeit als Branche, als Teil der Arbeitswelt, des Arbeitsmarktes, der tariflichen und politischen Sphäre so interessant: Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Beteiligten – die doch am Ende, wenn es gegen die Branche geht, gemeinschaftlich zusammen stehen. Ja, in der Tat, Rensing ist ein intellektueller „Kopf der Zeitarbeit“. Das Kind aus einer Arbeiterfamilie, das noch manche Tätowierung aus belebter Jugendzeit trägt, ist nicht nur in der Gesellschaft angekommen. Der dreifache Vater hat sich eine eigene Mischung aus akademischer Kompetenz und bürgerlicher Verwurzelung geschaffen, die im Prinzip ein sehr typisches Beispiel für die deutsche Aufstiegsgesellschaft darstellt: Wer will, der kann. Und insofern dürfte es kein Zufall sein, dass sein Engagement in politischer Sicht zur FDP führte.

Polemik, Paragraphen, Persönlichkeiten“ – die drei großen ‚P‘ der Zeitarbeit. Unser Portraitformat interessiert sich für die Persönlichkeiten, da Paragraphen und Polemik durch anderen Foren und Medien zur Genüge bedient werden. Natürlich spielt jedoch die Polemik aus dem politischen Raum am Rande immer eine Rolle, wenn man über Zeitarbeit spricht. Natürlich ist das auch bei Thorsten Rensing nicht anders.

20150128-N71_3020Mich nervt es tatsächlich, dass Leute Verrechnungssatz und Lohn nicht auseinanderhalten können. Das ist auch das, was Politiker häufig nicht können. (…) Das nervt schon.“ Rensing nimmt es eher kühl, wohl wissend, dass solche Dinge durchaus auch zum öffentlichen Spiel von Tarif- und politischen Parteien gehören. Hinsichtlich der Rolle, die (Zeitarbeits-)Unternehmer ausfüllen, charakterisiert er zwischen Unternehmern einerseits und Managern andererseits: „Man muss unterscheiden (…) zwischen Unternehmern und Managern. (…) Der eine hat nämlich Verantwortung für sein Unternehmen und für seine Mitarbeiter… und Gewinnverantwortung, während der Manager tatsächlich nur noch Gewinnverantwortung hat und für alles andere nur noch begrenzt in Haftung genommen werden kann. Unternehmer sind übrigens auch diejenigen, die unter den Reformen häufig genug auch leiden.“ In der Tat: Unternehmer im kleinmittelständischen Bereich (übrigens der häufigste Unternehmenstypus auch in der Zeitarbeit) können nicht mal eben nach Hong-Kong oder Bangalore ausweichen, wenn die Politik mal wieder das ganz große Besteck in Sachen Gerechtigkeits-Gesetzgebung auspackt – sie müssen es schlicht ausbaden.

Der Tag endet, wie für „Köpfe der Zeitarbeit“ typisch, in einem Lieblingsrestaurant unseres jeweiligen Kopfes. Bei Thorsten Rensing ist es das „Gasthaus im Museum“, ein wunderbares Lokal mit Brauhaus-Atmosphäre in einem ehemaligen Betriebsbahnhof der Kölner Verkehrsbetriebe, das zu einem Straßenbahnmuseum ausgebaut wurde. Es liegt am Thielenbrucher Wald, ein naturgewachsenes Niemandsland zwischen Köln und Bergisch-Gladbach – als Kind habe ich hier auf einem nahegelegenen Ponyhof gespielt. Stefan Ossege, Gastgeber im Haus, ist mit Rensing bestens bekannt. FDP trifft auf SPD – es war ein unterhaltsamer Abend!

Ich mache Sachen nicht halb!“, bringt es Rensing auf den Punkt. Bei zünftigem Kölsch spreche ich ihn auf seine Funktionen in Politik und Verband an. Wenn er etwas macht, dann macht er es vollständig. Und in anderen Fällen? „Ich glaube, ich bin dann nicht jemand, der abbricht, sondern der dann eher sagen würde, warum läuft es hier verkehrt, wie muss ich es gegebenenfalls ändern. Es sei denn, es betrifft mich persönlich so sehr, und es trifft mich emotional so stark, dass ich sage, ich möchte hier nicht mehr. Das kann sein.“ Als Beispiel dafür nennt er den Bruch mit seinem Lehramtsstudium – er kann seine Entschlüsse, die er getroffen hat, tatsächlich auch exekutieren.

10398685_10203483711564604_2220797360357003604_nDas bestellte Essen aus der Brauhaus-Küche kommt. Schnitzel und Spanferkel kitzeln die Nase. Rensing, in Feierabend-Laune, erzählt wunderbare Geschichten aus der Welt der Event-Gastronomie. Und ich muss oft schallend lachen. Aus Gründen der Kundendiskretion müssen all diese herrlichen Stories bedauerlicherweise „unter Drei“ bleiben, aber es zeigt: Rensing ist nicht nur kühler „Macher“, sondern auch intensiver „Erleber“ seines Geschäfts.

Die letzte Frage des Tages. Worüber hat er sich zuletzt so richtig gefreut, möchte ich von ihm wissen. „Ganz privat…über das letzte Mal, als meine Frau nach Hause gekommen ist. Da habe ich mich echt und ehrlich gefreut.

Ja, so ist das. Am Ende eines langen Tages können auch eher kühle Zeitarbeits-Köpfe emotional werden …


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